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Fremde Hände in der Tasche – Teil 2

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Es ist der letzte Tag vor Weihnachten und die Buden des Weihnachtsmarkts werden gerade abgebaut. Für die Zivilbeamten des 1. Reviers an der Konstablerwache bricht eine kurze Phase von einigen ruhigen Tagen an.

„An den Tagen vor Weihnachten haben wir nicht so viel zu tun“, erklärt der Kommissar, als wir über die Zeil schlendern, und meint damit die Umtriebe der organisierten Diebesbanden. „Auch die Diebe machen ein paar Tage Ferien und verbringen die Weihnachtsfeiertag bei ihren Familien“, meint der Kommissar und schmunzelt.

Wir stehen jetzt auf der Zeil und bei Sprechen späht der Kommissar mit seinen Kolleginnen, mit denen er im Einsatz ist unablässig in das Gewimmel von Menschen, die hektisch und mit gestresstem Gesichtsausdruck im letzten Augenblick noch auf der Jagd nach Geschenken sind.

Ich versuche, es ihnen gleichzutun, doch ich sehe nur eine unförmige Menschenmasse, die sich über die Zeil wälzt. Ich kenne nicht die Signale und Zeichen, die die Ermittler bei dieser oder jeder Person aufmerken lassen.

Die Mitglieder der Einheit betreten Geschäfte, bewegen sich ruhig, beobachten, spähen, denn dort finden die Diebstähle fast ausschließlich statt. Sie wissen genau, worauf und auf wen sie achten müssen. Ihnen Fallen Personen auf, die „irgendwie nicht an diesen oder jenen Platz gehören“, ohne das genau begründen zu können. Personen, die sie innerhalb kurzer Zeit mehrfach am selben Ort sehen, ohne dass sich das durch Einkaufstätigkeiten erklären lassen könnte. Gruppen von Männern und Frauen, die sich nicht für die Auslagen interessieren, sondern deren Blicke sicher eher auf die Jacken, Taschen und Rucksäcke der Leute richten. Es ist viel Intuition mit im Spiel, aber sie liegen oft richtig. „Es dauert Jahre, bis man den geübten Blick hat“, erklärt der Kommissar, „mittlerweile kann ich sogar die einzelnen Team-Mitglieder erkennen und wie sie sich mit Blicken verständigen.“ Die weiblichen Teammitglieder sind bei ihrer Arbeit so routiniert und unauffällig, dass sie während eines Einsatzes selbst einmal Ziel eines Diebstahlsversuchs geworden sind. „Als wir die Täterin dann festgenommen haben, war sie wie vom Donner gerührt“, berichtet die Beamtin grinsend.

Die Taschen- und Trickdiebe arbeiten nur selten alleine. In der Regel hat ein Taschendieb-Team drei bis vier Mitglieder, den „Abdecker“, den „Blocker“, den „Zieher“ und den „Transporteur“.

Der in Teil eins des Berichts beschriebene Trickreichtum kann sich im öffentlichen Straßenraum häufig nur bei alkoholisierten Personen entfalten, die in ihrer Reaktionsfähigkeit herabgesetzt sind.  Auf der Zeil aber, unter den Augen von tausenden Passanten, lassen sich die Tricks nicht ganz so einfach abziehen.

Die Täter verlagern sich daher ins Innere der Geschäfte. Wir tun es ihnen nach und schlendern von Kaufhaus zu Kaufhaus. Die Beamten lassen die Blicke schweifen.

In den Geschäften warten die Täter in der Regel den Augenblick ab, in dem ein argloser Kunde sich bückt um ein neues Paar Schuhe anzuprobieren, um blitzschnell zuzugreifen. Die fremde Handtasche wird unter einem zu diesem Zweck über den Arm gelegten Mantel verborgen und der Täter oder die Täterin verschwindet unverzüglich.

Oder die Täter geben vor, Kleider anzuprobieren und warten auf den Augenblick, in dem ein Kunde die zum Anprobieren von Kleidungsstücken abgelegte Jacke mit Wertsachen und Mobiltelefon aus den Augen lässt. Profis unter den Dieben sind in der Lage diese kurzen Momente auszunutzen und die Wertsachen aus einer Jacke zu entnehmen und unerkannt zu verschwinden.

„Die Schwierigkeit für uns ist“, sagt der Kommissar, „dass wir vom Diebstahlsopfer meist einen relativ großen Zeitrahmen genannt bekommen, in dem sich die Tat ereignet hat. Manchmal müssen wir Stunden an Video-Material von mehreren Kaufhäusern sichten, bis wir die Tat entdecken, die maximal einige Sekunden in Anspruch nimmt“.

Die besondere Trophäe der Einheit ist ein Videoausschnitt eines Restaurants, der einen Jacke-Jacke-Dieb, einen Meister seines Fachs, in Aktion zeigt. Mit atemberaubender Nervenstärke bewegt sich der Dieb auf seinem Platz hin und her, schüttelt seinen Mantel aus, neigt sich, die Karte lesend zur Seite und greift in die Taschen der in seinem Rücken aufgehängten Mäntel. Gelassen zieht er eine Brieftasche heraus und zählt gelassen seine Beute. Er besitzt die Abgebrühtheit an einem anderen Tisch Platz zu nehmen, um auch noch die Inhalte der Mäntel auf der anderen Tischseite einzusacken. Seelenruhig verlässt er nach getaner „Arbeit“ das Lokal. Was er nicht wusste war, dass die Bestohlenen eine Tischrunde von Staatsanwälten war, die sich zum Mittagessen getroffen hatte, und sich kurz darauf über die erstaunliche Abwesenheit ziemlich vieler Portemonnaies wunderte. Der Täter wurde kurz darauf festgenommen. Das Video dient heute als Lehrfilm für spezialisierte Beamte zur Bekämpfung des Taschendiebstahls.